Die WIRTSLEUTE der Zipfelsalpe

42 Sommer inmitten Natur und Tradition: Christof und Marga bewirteten von 1976 bis 2017 die Zipfelsalpe zwischen Bschießer und Iseler. Ein Besuch in einer anderen Welt, aufgezeichnet von Erika Spengler.

Und plötzlich kommt sie in den Blick. Während ich bis jetzt über einen schmalen Pfad über knorrige Wurzeln und herausstehende Steine gewandert bin, öffnet sich plötzlich der Wald und gibt den Blick in Richtung Zipfelsalpe frei. Gemütlich wirkt sie, wie sie an den weiten Wiesenhänge lehnt. Durch duftende Blumen, Schwärme surrender Fliegen und warmes Licht der Abendstunden wandere ich bis zur Alpe, lasse den Blick gleiten und höre die Stille. Sie wird durchkreuzt von entferntem Schellengeläut. Ansonsten? Nichts.

Wie ich so dastehe und meine Heimat genieße, stellt sich eine kleine Frau neben mich – blonde Haare, hellblaue, wache Augen, ein Lächeln auf den Lippen. Was ich so spät noch hier oben mache? Wir kommen ins Gespräch und völlig selbstverständlich lädt mich Marga, die Älplerin in die Stube ein. Draußen ist es kühl, innen in der niedrigen Stube warm und gemütlich. Der Holzofen knackt, die Bilder an der Wand sind gewölbt vor Feuchtigkeit. Das Kruzifix fehlt natürlich nicht. Zwei junge Burschen sitzen am Tisch, lachen laut. Auf der Eckbank vier Männer. Sie zögern keinen Moment, rutschen zusammen und bieten mir einen Platz an. Noch bevor ich ihre Namen kenne, steht schon ein Brett mit Brot und Käse vor mir, dazu ein Bier und auch der Schnaps lässt nicht allzu lange auf sich warten.

Marga und ihr Mann Christof verbringen hier ihren 41. Sommer auf der Alpe. „Eigentlich wollten wir nur 40 Sommer bleiben, aber Lukas, unser Hirtenjunge, steckt noch in der Ausbildung und wollte sie so sehr bei uns abschließen“. Lukas, einer der jungen Burschen grinst und freut sich sichtlich, dass sein Wunsch erhört wurde. „Er hat es sich verdient“, plaudert Christof, „er kennt die Rinder schon von weitem und muss nicht zu jedem hinlaufen, um es zu erkennen.“ Eine wertvolle Eigenschaft, denn die Herde hier oben muss regelmäßig auf ihre Vollständigkeit gezählt werden. In eigens gebastelten Heftchen streichen sie jeden Tag jedes Rind ab.

Nebenher gehen die Hirtenjungen auch bei allen anderen anfallenden Tätigkeiten zur Hand. Sie helfen beim Bedienen der Gäste, beim Instandhalten der Alpen, kümmern sich um Zäune und die Versorgung der Rinder. „Die Jungen sind meist zwischen 11 und 16 Jahren und stammen fast immer hier aus dem Tal.“ erklärt Christof. „Andere würden diese körperliche Arbeit wohl heutzutage auch nur schwer hinkriegen“, denke ich mir im Stillen. 180 bis 200 Tiere werden hier oben „gesömmert“ - sie werden im Frühjahr in die höheren Lagen geführt und verbringen rund 100 Tage auf den Alpen, bevor sie im September auf dem berühmten Viehscheid wieder zurück ins Tal gebracht und dort an ihre Besitzer übergeben werden. Der Bergaufenthalt dient aber nicht nur der Abhärtung des Jungviehs und der Verpflegung der Rinder mit hochwertigen Weidegut, sondern zu gleichen Teilen auch dem Erhalt unserer Kulturlandschaft, wie wir sie kennen. Ohne die rund 33.000 weidenden Rinder, die im Allgäu den Sommer in den Bergen verbringen, wären die Hänge verwaldet und die Blumenvielfalt deutlich magerer.

Das Leben hier oben ist geprägt von Einfachheit, langen Arbeitstagen und von den Gesetzen der Natur. Unglücklich wirkt aber keiner hier im Raum. Die Gemeinschaft ist stark, die Identifikation mit der Heimat groß. Sollte es doch einmal so weit kommen, dass man an der Situation zweifelt, braucht es nur einen Schritt vor der Türe. Liebevoll angelegte Blumentöpfe umgeben den gemütlichen Gastgarten, direkt dahinter weiden Pferde und Rinder auf den bunten Wiesen, die weiter unten in den Wald übergehen. Und darüber? Thront das Allgäuer Panorama, mit etwas Glück mitsamt der untergehenden Sonne.

Nach 42 Alpsommern war 2017 für die beiden Schluss auf der Zipfelsalpe. Bernadette Karg und Max Kotz sind seit Mai 2018 die neuen Wirte der Zipfelsalpe